Konzert

WERK 2 präsentiert:

Madison Violet, Support: The 4 Of Us

Dienstag, 31. Oktober 2017
Halle D, Einlass: 19:30 Uhr, Beginn: 20:30 Uhr

Madison Violet

Die Schönheit, ja die Klasse von Musik lässt sich heutzutage weniger denn je an Verkaufszahlen messen. Nehmen wir mal die Taylor Swifts und Kanye Wests dieser Welt aus, sind Musiker, ganz gleich welchen Genres, gehalten, sich nicht mehr nur auf den Gewinn aus ihren kommerziell veröffentlichten Songs und Alben zu verlassen, sondern auf Konzertreise zu gehen und mit ihren Fans direkter in Kontakt zu treten. Damit wären wir bei dem kanadischen Duo Madison Violet angelangt.

Seit ihrer Gründung vor nunmehr 17 Jahren haben es sich Brenley MacEachern und Lisa MacIsaac, die sich den Gesang, das Gitarrenspiel und das Songwriting nahezu schwesterlich teilen, zur Doktrin gemacht, mit ihren Songs die Welt zu bereisen. In den nahezu zwei Dekaden ihrer Karriere sind Madison Violet mit ihren Songs durch die Welt gezogen, als gäbe es kein Morgen. Sie haben mit Gott und der Welt gespielt: mit den Hothouse Flowers aus Irland, Runrig aus Schottland, dem US-amerikanischen Duo Indigo Girls oder ihrem Landsmann Ron Sexsmith. Aber vor allem sind sie alleine durch internationale Clubs getourt, häufig als Duo, mitunter um Gastmusiker respektive Freunde ergänzt als Trio oder als Quartett.

Sie spielen bis zu 200 Konzerte im Jahr, sie sind durch Australien mit einem Camper getourt, haben an Surfstränden ebenso Songs geschrieben, wie auf der Antilleninsel Grenada und in London. Brenley und Lisa haben ihr modernes Nomadentum perfekt kultiviert. Und natürlich haben all die Begegnungen unterwegs auch ihre Musik geprägt, eine angenehm temperierte, rauchig warme Melange aus zärtlichem Americana, prägnantem Folk und koketten Alternative-Popmelodien.

The Knight Sessions folgt ihrem letzten Studioalbum Year Of The Horse aus dem letzten Jahr förmlich auf dem Fuße – in ihrer sechs Studioalben und ein Livealbum umfassenden Diskographie geradezu ein Schnellschuss. Aber, so viel vorweg, es ist ein Schuss ins Schwarze. Mit The Knight Sessions vollziehen Madison Violet eine feine Kehrtwende zum letzten Studioalbum. Statt ausgefeiltem Bandsound haben sich die beiden Musikerinnen wieder vornehmlich aufs Wesentliche konzentriert und kehren zu ihren eigenen Wurzeln zurück – nur mit viel mehr Erfahrung, künstlerischem Selbstverständnis, Verve und Mut zur Innovation als in ihren frühen Tagen.

Zugleich bilden die Songs eine Art Epilog zum letzten Studioalbum: So haben Madison Violet die Songs These Ships, Same Sun, Ohio, Operator und Trouble noch einmal neu aufgenommen, präsentieren sie in neuen, zumeist akustischen Versionen. These Ships hatte bereits zuvor als Dance-Remix aus Year Of The Horse in den USA für Furore auf Spotify gesorgt und die Millionengrenze überschritten. Auf dem neuen Album liegt nun ebenfalls ein Remix vor, der den Sessions eine unerwartete und doch gelungene Schlussnote verleiht. Dazwischen spielen Madison alle ihre Stärken aus. Eines der absoluten Highlights unter den neuen Stücken ist Hush, eine grandios gestaltete Hybride aus Country-Swing und Dub, samt Neil-Young-Harmonika und True-Detective-Chören, bei der man meint, makabre Nursery Rhymes zu hören, aus denen eine Schauergeschichte zu erwachsen scheint.

Packend sind ihre Songs allemal. Sei es der einprägsame Opener We Are Famous, der eigentlich von jedem Radioredakteur mit Herz und Sachverstand auf jene Playlist gesetzt werden sollte, mit der unsereins wohlgemut in den Tag kommen möchte. Sei es das verträumte How We See Love mit seinen weichen Slide- und sehnenden Violinenklängen, das wie eine Kampfansage an die Herausforderungen von Alltag und Liebe wirkende The Heat, das die Wechselfälle des Lebens beschwörende „Trouble“, oder musikalische Sonnenaufgänge wie Same Sun und Don’t Let Your Heart Be Troubled. Madison Violet durchfluten ihre Songs mit so viel positiver Energie, dass es die pure Freude ist, ihnen zuzuhören.

Vor den Aufnahmen der Knight Sessions, welche das Duo gemeinsam mit Tino Zolfo produziert hat und deren Aufnahmen von einigen Gastmusikern punktuell unterstützt wurden, sind Brenley und Lisa durch die Trödelläden von Toronto gezogen, um nach perkussivem Spielzeug und ausgefallenen Instrumenten Ausschau zu halten. Ihre kuriosen Fundstücke wie eine unvollständig besaitete Ukulele, Bauklötzchen und diverser elektronischer Schnickschnack wurden dann in die Aufnahmen integriert, was eine kluge Fußnote ihres formidabel produzierten Albums bildet, mit dem dieses Musikerinnengespann noch einmal an Substanz und Strahlkraft gewonnen hat.

The 4 Of Us

Nostalgie ist eine der fruchtbarsten Triebfedern der Kunst. Brendan und Declan Murphy haben diese Prämisse denkbar gut genutzt und werfen mit ihrem aktuellen Studioalbum „Sugar Island“ einen nostalgischen Blick zurück – und zwar auf die eigene Kindheit in den frühen 1970ern, als in ihrer Heimat der Nordirlandkonflikt seine bittersten Stunden erlebte. The Troubles, wie in Großbritannien diese konfliktreichen Jahre genannt werden, waren auch in dem Grenzstädtchen Newry, in dem die Murphys aufwuchsen, allgegenwärtig. Den beiden Brüdern, die unter ihrem Bandnamen The 4 of Us bereits Ende der 1980er erstmals durchstarteten, ist mit „Sugar Island“ ein fein gezeichnetes Sittenbild gelungen, das zwar vor dem Schrecken und der Bitterkeit des realen Terrors von damals nicht die Augen verschließt, doch letztlich überwiegen bei den zwölf mit gelassener Leichtigkeit interpretierten Songs die heiter-melancholischen Erinnerungen an eine glückliche Kindheit.

Für Sugar Island sind die beiden Brüder vielleicht noch ein wenig enger als je zuvor
zusammengerückt. Die intime Produktion, bei der auf Drums ganz verzichtet wurde, ist bestes Indiz dafür, dass dieses Album mit den durchweg sehr privat und doch wunderbar allgemeingültig wirkenden Songs eine Herzensangelegenheit ist. Es ist ihnen zudem gut gelungen, das musikalische Kolorit jener Zeit für die eigenen Kompositionen zu adaptieren.

Den lockeren Folkflair von Simon & Garfunkel (’73) spürt man hier ebenso wie die staubige Verwehtheit eines Neil Young (Hell to Pay) und den luftigen Laurel-Canyon-Hauch (Just A Drop). Während Bird’s Eye View, der Opener dieses emotionalen Konzeptalbums, das Leben in Newry aus neugierigen Kinderaugen schildert, beschreibt Going South, wie es damals gewesen ist, von Newry ans Meer zu fahren und dafür die Checkpoints nach Irland passieren zu müssen. Zu dem Song Going South gibt es übrigens einen Videoclip, in den Super-8-Aufnahmen aus einem damaligen Sommerurlaub eingebaut wurden. Das Covermotiv mit dem Familienporträt im Auto und den herrlich verblassten Farben stammt ebenfalls aus jener Zeit.

VVK: 20,80 €